Das französische Referendum von 2005
Schon im Vorfeld löste das durch Staatspräsident Jacques
Chirac angesetzte Referendum zum Europäischen Verfassungsvertrag
heftige Kontroversen aus. Bevor der Staatspräsident das Referendum
ansetzte, war es bereits vom Chef der Sozialisten, Francois Hollande,
gefordert worden. Dann, am 29. Mai, entschieden sich die wahlberechtigten
Franzosen mit einer klaren Mehrheit von 55 Prozent gegen den Europäischen
Verfassungsvertrag in seiner bestehenden Form. Besonders prekär
für Chirac, der mit einer Mehrheit für den Vertrag gerechnet
hatte, war die hohe Wahlbeteiligung der Franzosen von fast siebzig
Prozent.
Die großen Parteien wie die UMP, die UDF, die PS und die
Grünen, die allesamt ihre Anhängerschaft auf ein klares
Ja eingeschworen hatten, sahen sich nun mit dieser
unvorhergesehenen Entwicklung konfrontiert. Die kleineren Parteien,
vom linken bis zum rechten Spektrum, hatten es im Gegensatz zu
ihnen geschafft, die Wähler zu überzeugen und zu mobilisieren.
Dabei ist der Schluss, der aus dem Ergebnis dieses Referendums
zu ziehen ist, genauso zum Streitthema geworden wie der Europäische
Verfassungsvertrag selbst, das ursprüngliche Thema. Manche
wollen darin einen Denkzettel für den Staatspräsidenten
Chirac selber sehen, der nach zehnjähriger Amtszeit einen
großen Teil seiner ehemaligen Popularität eingebüßt
hatte. Selbst die französische Glaubwürdigkeit als Gründungsmitglied
und einer der wichtigsten Initiatoren der Europäischen Union
wurde in Gefahr gesehen.
Während die einen im klaren Nein der wahlberechtigten
Franzosen eine Reaktion auf inländische und hier vor allem
soziale Probleme sehen, stellen die anderen den Europäischen
Verfassungsvertrag in seiner bestehenden Form in Frage. Einigkeit
scheint über das tendenzielle Ja der Franzosen
zur weiteren Zusammenarbeit auf europäischer Ebene zu bestehen.
So gaben über siebzig Prozent der nach ihrem Wahlgang befragten
Franzosen an, eine Weiterführung der europäischen Integration
zu ausdrücklich zu wünschen.
Wie sahen die sozialen Probleme aus? Die Staatsverschuldung von tausend Milliarden Euro, eine Arbeitslosenquote von zehn Prozent, ein Wirtschaftswachstum von nicht einmal zwei Prozent und die schwer angeschlagenen sozialen Sicherheitssysteme, ihre Angst vor Arbeitsplatzverlust und die dringenden Probleme bei der Migration und Integration von Ausländern waren ganz sicher für viele Wähler für ihre Entscheidung mit ausschlaggebend. Doch waren es die einzigen Gründe? Nicht nur der ehemalige Ministerpräsident Laurent Fabius, einer der Initiatoren des pro-europäischen Nein, formuliert die Furcht vieler Franzosen vieler Europäer vor einem zunehmenden Sozialdumping, vor massiven Arbeitsplatzverlagerungen, vor Liberalismus nach angelsächsischem Vorbild und dem Ende eines sozialen Europas.
Soziale und kirchliche Gruppen sahen in dem Nein zum Europäischen Verfassungsvertrag überwiegend eine Chance zur Nachbearbeitung des Vertrages, insbesondere was die ihrer Meinung nach übergroße Ausrichtung des bestehenden Vertrages auf ein neoliberales Wirtschaftssystem anging, die einem ungehemmten Shareholder-Kapitalismus Tür und Tor öffnen würde. Außerdem befürchteten diese Gruppen eine drohende Militarisierung Europas, sahen ökologische und soziale Ziele nicht genügend vertreten und kritisierten die Stellung der Europäischen Zentralbank.
Im Gegensatz zu den Kritikern des Referendums, die den Wählern zum Teil die Kompetenz, zu einer derart komplexen Frage Stellung zu beziehen, rundheraus absprachen, werteten die Anhänger des pro-europäischen Nein und die Gruppen, die es unterstützten, den Ausgang des Referendums als Sieg der Demokratie.